Solo Im Kanu

Ein Blick zurück ins Jahr 2011

Mit dem Solocanadier im Rogenseengebiet / Schweden

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Es ist soweit. Mit dem Kanu auf dem Dach rolle ich gut gelaunt in Trelleborg von der Fähre. Endlich wieder in Schweden, endlich wieder unterwegs. Das einsam gelegene Rogenseengebiet in Härjedalen ist mein Ziel. Direkt ans Wasser gelangt man dort nur über den Hof Käringsjön. Aber erst einmal fahre ich über die E6 an der Westküste entlang nordwärts und schwenke dann auf die 172 ganz nach Norden ein. In Dalsland machen ich einen Zwischenstop. Hier kenne ich ein paar gute Plätze, an denen man ungestört rasten kann. Bei wechselhaftem Wetter erkunde ich dann den Edslan, einen kleinen verwinkelten See. Auf dem Rückweg, schon in Sichtweite meines Autos sehe ich plötzlich einen Biber. Und das zur Mittagszeit! Er schwimmt parallel neben mir her, etwa 30 m entfernt von meinem Canadier. So kann ich ihn eine ganze Weile beobachten und stelle fest, dass wir keine 100 m auseinander wohnen.

Auf dem Inlandsvägen fahre ich weiter nach Norden. Über das kleine Städtchen Älvdalen am Österdalälven gelange ich zur Straße „311“. Die Natur entlang der Straße wirkt wie echte Wildnis und immer wieder sehe ich Rentiere. So mag ich Schweden. Eine kleine Schotterpiste bringt mich dann zu dem einsam gelegenen Hof Käringsjön am gleichnamigen See im Rogen-Naturreservat. Die letzten Kilometer sind privat und mautpflichtig. Es parken hier schon ein paar weitere Autos. Meist sind es Angler und Wanderer, ab und zu auch Paddler.
Ich zahle einen Obolus fürs parken, dann bringe ich mein Kanu zu dem kleinen Steg und belade das Boot. 2 große Duluth-Packs habe ich dabei sowie eine Rollverschlußtasche, die ich „Handtasche“ nenne. In der Handtasche transportiere ich den Kleinkram, vom Taschenmesser über Papiere bis zum Klopapier. Einer der beiden großen amerikanischen Packsäcke enthält alle Lebensmittel, Geschirr und Kochausrüstung. Im anderen Pack finden Zelt, Isomatte und Kleidung ihren Platz. Die Kamera habe ich wasserdicht und griffbereit in einer Pelibox verstaut. Bei Landtransporten muss ich also immer 3x gehen. Einmal mit dem Kanu auf der Schulter, dann noch 2x mit dem Gepäck. Ein Bootswagen funktioniert in der Wildnis leider nicht …

Eine Stunde nach Ankunft sitze ich im Kanu und paddel bei leichtem Nieselregen über den ersten See. Dann folgt die Portage zum Hán, die etwa 300 m lang ist. Mit drei Lastgängen bringe ich Ausrüstung und Boot zum nächsten See. Es geht weiter. Aber anders, als geplant. Ich will ins Boot steigen, da gibt unter mir die Grasnarbe nach und ich versinke über einen Meter tief im Schlamm. Mit einem uneleganten Hechtsprung rette ich mich ins Kanu. „Man, wie im Film! So eine Schei.e! Und das gleich beim Start“ Bis zum Gürtel nass und schlammverschmiert lege ich ab und steuer auf das gegenüberliegende Ufer zu. Hier säubere ich mich, ziehe trockene Kleidung an und wasche meine Hose aus. Eigentlich kann ich für heute auch hier bleiben denke ich und schlage mein Lager auf.

Am nächsten Morgen wecken mich Regen und starker Wind. Also ziehe ich mir AquaShell-Kleidung und Regenjacke an. Die Seen liegen auf 750 m Höhe, hier kann das Wetter schnell wechseln. Nach kurzer Zeit guckt schon wieder die Sonne durch die Wolken. Die nächste Portage ist nur kurz. Ich genieße die tolle Landschaft und die Einsamkeit. Niemand ist zu sehen oder zu hören.

Am späten Nachmittag habe ich einige Seen und 5 Portagen hinter mir. Ein paar mal habe ich die Karte gebraucht, einmal auch den Kompass, um mich zu orientieren. Auf einer kleinen Insel im Öster Rödsjön finde ich einen schönen Übernachtungsplatz mit ausreichend Brennholz für meinen „Künzi“, einem kleinen genialen Hobo-Ofen aus Edelstahl. Ein laues Lüftchen läßt die Mücken und Gnitzen nicht zu aufdringlich werden.

Hier gefällt es mir. Das Wetter spielt auch mit. So bleibe ich einfach noch einen Tag und erkunde die Insel und will auch noch Brot backen.Es war wohl doch zu viel Mehl … So viel sollte es gar nicht werden. Bannock sättigt mehr, als heimisches Brot vom Bäcker.
In der Wildnis nehme ich das Wasser zum Trinken direkt ungefiltert aus dem See. In dichter besiedelten und frequentierteren Gegenden im Süden von Schweden würde ich sonst meinen Mini-Works-Filter nutzen, den ich für alle Fälle dabei habe.

Am nächsten Morgen geht es weiter. Ich suche und finde den Einstieg zur Portage Richtung Rogensee. Mit 500 – 600 m Metern ist es der längste und leider auch mückenreichste Landweg bisher. Die Biester sind lästig! Blöd, wenn man dann keine Hand frei hat, um sich zu wehren. Aber nach einer Stunde paddel ich über den spiegelglatten Rogen mit seinem glasklaren Wasser. Man kann viele Meter bis auf den Grund blicken und den Schatten des Bootes erkennen. Es herrscht absolute Stille. So mag ich das. Je einsamer, desto besser. An einer traumhaft schönen Bucht mit Sandstrand lege ich an und mache Kaffeepause. Ich taufe die Bucht für mich mich Rogen-Beach.

Wieder auf dem See sehe ich schon im Nordwesten dunkle Wolken, die schnell näher kommen. Das läßt nichts Gutes erwarten. Aus Norwegen kommend, kann der Wind hier ungebremst über 12 km Wasserfläche beachtliche Wellen aufbauen. Keine Minute zu früh lande ich im Windschutz einer kleinen Insel an und baue in aller Eile mein Zelt auf. Es gibt ein kurzes Intermezzo aus Wind und Regen, das sich am Abend noch mehrfach wiederholt.

Der nächste Morgen empfängt mich mit Sturm und Regen. Ich bin froh, dass die vorgelagerte Insel mich vor dem Allergröbsten bewahrt. Trotzdem zerrt es heftig am Zelt. Um den Winddruck etwas zu reduzieren, lege ich das Boot in Windrichtung davor. Laut Händler soll das Zelt eine gute Belüftung haben. Das kann ich heute wirklich bestätigen. Am Nachmittag hört dann wenigstens der Regen auf, aber der See trägt noch viele Schaumkämme. Gut, dass ich nicht weiter gepaddelt bin. Morgen wird es sicher besser ….

Ein neuer Tag. Der Wind hat nachgelassen. Ich packe meine Sachen und will den Südzipfel des Rogen erreichen. Zunächst paddel ich noch im Schutz der kleinen Insel. Als ich aber an dieser vorbei bin, sind die Wellen doch noch ganz ordentlich. Sie laufen von hinten rechts auf mich zu, die unangehmste Richtung, wenn man Linkspaddler ist. Immer wieder muss ich kräftige Heckhebel einsetzen, um das Kanu auf Kurs zu halten. Das Boot habe ich heute deutlich hecklastig getrimmt, aber der Wellendruck bleibt ja trotzdem. Der See läuft in einer schmalen Bucht aus. Es ist deutlich ruhiger, ja fast windstill. Hier erwartet mich der Luxus pur mit Windschutz, Mülltonne und Plumsklo. Ein Rastplatz für Wanderer und Paddler.
Ich mache es mir hier zur Mittagspause gemütlich und entsorge auch gleich meinen kleinen Müllbeutel.

Ich begebe mich auf den Rückweg. Wind und Wellen haben weiter nachgelassen. Außerdem kann ich jetzt auf der Wind zugewandten Seite paddeln. Das ist deutlich angenehmer, da man einfacher den Kurs halten kann und weniger Energie in die Korrektur investieren muss. Ich paddel wieder nordwärts und lege noch einmal an dem schönen Sandstrand an. Hier erreichte ich nah am Ufer mein Lager. Nach dem Abendbrot gemieße ich den Fernblick mit einem Glas Whisky. Na ja, vielleicht waren es auch zwei … Die fantastische Stimmung wird nur durch die zahlreichen Mücken getrübt, die die abendliche Windstille nutzen wollen, um mir das Blut abzuzapfen. Gegen Mitternacht ist dann die Sonne mal für wenige Stunden hinter den bergen verschwunden, gegen 3 Uhr am Morgen scheint sie bereits wieder. Ich mag diese langen Tage und die Nächte, in denen es nicht richtig dunkel wird.

Sonnenschein empfängt mich am nächsten Morgen. Ich paddel wieder zurück Richtung Portage zu den kleineren Seen, um mich auf den Rückweg zu machen. Die Portage zum Österödsjön mache ich nicht allein. Zahlreiche Mücken begleiten mich wieder. Ich komme gut voran. Auf einer kleinen Portage treffe ich Peter mit seiner Familie, die aus Falun kommen. Sie sind mit zwei gemieteten Booten unterwegs. Wir unterhalten uns eine Weile und helfen uns gegenseitig beim Transport unseres Gepäckes. Ich komme gut voran – eigentlich schneller, als gedacht und geplant. Spontan kommt mir die Idee, heute noch bis Käringsjön zu paddeln.

Gegen 18 Uhr lande ich verschwitzt nach den heutigen 8 Portagen an dem kleinen Holzsteg an, von dem aus ich vor einer Woche gestartet bin. Gemischte Gefühle. Ich bin froh, dass auf der Tour alles gut funtioniert hat aber auch traurig, dass jetzt Ende ist. Ich fahre ein paar Kilometer und suche mir an einem kleinen See einen Übernachtungsplatz. Nachdem ich mich im kühlen Wasser frisch gemacht habe, freue ich mich auf ein schönes Bier zum Abend. Im Auto waret noch eine Flasche deutsches Bier. Aber was für eine Enttäuschung. Nach einer Woche Rogensee-Wasser schmeckt mir das Bier gar nicht richtig ….

 

 

Dass ich ein paar Wochen später Conny kennenlernen würde, wußte ich zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht. 🙂

 

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